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Was bedeutet eigentlich: einen Text verstehen?

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

 

Dieses Wort von Immanuel Kant (eine Übersetzung des Lateinischen „sapere aude“) wurde zu einem der Leitsätze der Aufklärung. Verstehen ist eine der zentralen Kategorien des modernen Denkens. Verstehen bedeutet, dass wir einen Text für uns öffnen; Nichtverstehen hingegen, dass der Text für uns verschlossen bleibt. Der Freiburger Literaturwissenschaftler Hans-Martin Gauger hat sich in seinem Aufsatz „Was heißt – einen Text verstehen?“ (enthalten in Gaugers Buch „Über Sprache und Stil“) damit beschäftigt, was wir tun, und was uns widerfährt, wenn wir einen Text – verstehen.

 

Wenn ich ein deutsches Wort in seinen ganzen Bedeutungsnuancen verstehen will, benutze ich gerne das Wörterbuch der Brüder Grimm, das zwar schon im 19. Jahrhundert entstand, aber bis heute nicht übertroffen wurde. Das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm ist auch digital zugänglich. Im unerschöpflichen Lexikon der Grimms finde ich die folgende Erklärung von ‚verstehen‘: „rings um einen gegenstand stehen, ihn umstehen, in der gewalt haben, beherrschen“ (die Grimms hatten die Schrulle, alle Wörter klein zu schreiben). Ein interessanter Hinweis, der uns hilft, ‚verstehen‘ zu verstehen. Wenn wir etwas verstehen, kreisen wir einen (abstrakten) Gegenstand ein, wie übernehmen über ihn unsere intellektuelle Herrschaft.

 

Zurück zu Hans-Martin Gauger. Was berichtet uns der Literaturwissenschaftler über das Verstehen von Texten? Gauger nähert sich dem Problem des Verstehens von unterschiedlichen Seiten. Besonders interessant ist sein Hinweis auf Martin Heidegger, einer der großen Verstehenden der Philosophie. Heidegger besaß die Fähigkeit, sich in andere Autoren hineinversetzen zu können, was bedeutet: die Fragen, die von den Autoren behandelt wurden, aus ihrem eigenen Blick zu betrachten, so als ob "Heraklit danebensteht". Diese Methode Heideggers ist die vollkommenste Form des Textverstehens. Sein Zugang ist unverstellt. Verstehen ist nicht mehr Rezeption, sondern Reproduktion. Ihm gelingt zu verstehen, indem er dem Autor oder der Autorin nach-denkt.

 

Die Methode Heideggers anzuwenden setzt viel Übung und eine besondere Begabung voraus. Auch wenn unser Anspruch an das Verstehen eines Textes bescheidener ist als derjenige Heideggers, können wir von diesem lernen. So ist es nicht immer ratsam, sich gerade schwierigen Texten mit einem Vorverständnis zu nähern. Oft ist es besser, solche Texte auf sich wirken zu lassen und sie so naiv zu behandeln wie die Alltagssprache. Wie man sich in einem unbekannten, dunklen Zimmer vorsichtig herumtastet, die Augen sich allmählich an die Dunkelheit gewöhnen, man die Umrisse des Raums und der Möbel erkennt und schließlich den Lichtschalter findet. 

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