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Adjektive, Verben, Synonyme!

Schreibtipps vom ehemaligen Leiter der Hamburger Journalistenschule Wolf Schneider

Kann man seinen Text durch passende Adjektive verbessern?

 

Stilexperte Wolf Schneider warnt vor der Gefahr, die Eigenschaftswörter falsch zu verwenden. In seinem Klassiker „Deutsch für Profis“ rät er von ihrem Gebrauch als Füll- und Streckwörter ab, weil dieser dazu führe, dass Texte mit Floskeln überladen werden. Oftmals benutze man Adjektive, um schlichte Aussagen aufzumotzen. Das geschieht unbewusst. Es beschleicht einen das Gefühl, dass man mit seinem Satz nicht ganz getroffen hat, worauf es eigentlich ankommt, und versucht ihn daher mit scheinbar bedeutungsvollen Adjektiven aufzuwerten. Daher schreibt man, um ein paar Beispiele von Wolf Schneider aufzugreifen, von der „alpinen Fauna“ statt von der Alpenfauna, von „gesellschaftlicher Ordnung“ statt Gesellschaftsordnung oder von „nuklearen Waffen“ statt Atomwaffen. Werden Adjektive gehäuft auf diese Weise verwendet, weist dies auf inhaltliche Ungenauigkeiten hin.

 

Verbessern kann man einen Text hingegen, indem man ihn durch lebendige Verben veranschaulicht.

 

Nicht zufällig bedeutet "verbum" nichts anderes als "Wort". Innerhalb des Satzes besetzt das Verb eine herausragende Stellung, es bildet seinen Kern. Die anderen Satzteile sind von ihm abhängig. Verben sind die Lebensadern der Sprache. Dies gilt zumindest für die lebendigen Vollverben, die Tätigkeiten und Veränderungen ausdrücken. Schöne Beispiele, wie man Verben wirkungsvoll einsetzt, liefert Heinrich von Kleist:

 

Sie ging, weil niemand kam, und das Gewühl der Menschen anwuchs, weiter, und kehrte sich wieder um, und harrte wieder; und schlich, viel Tränen vergießend, in ein dunkles, von Pinien beschattetes Tal, um seiner Seele, die sie entflohen glaubte, nachzubeten; und fand ihn hier, diesen Geliebten im Tale, und Seligkeit, als ob es das Tal von Eden gewesen wäre.

(Das Erdbeben in Chili) 

 

Ein weiteres Stilproblem sind die Synonyme. Wolf Schneider geht mit der Lehre aus unserem Schulunterricht ins Gericht, dass Wiederholungen in einem Text zu vermeiden seien ("repetitio non placet"). Tatsächlich liegen die Dinge komplizierter. Wiederholungen sind manchmal unangenehm und störend. Das ist die eine Seite. Die andere: das krampfhafte Vermeiden von Wiederholungen kann zu Fehlern führen, die einen Text noch viel schlechter machen. Nur selten haben unterschiedliche Wörter exakt dieselbe Bedeutung. Wer Synonyme verwendet, weicht daher oft auf Ausdrücke aus, die nur ähnlich sind, wodurch er den Sinn des Geschriebenen verändert. Nehmen wir an, dass jemand über "Liebe" schreibt. Um Wiederholungen zu vermeiden, verwendet er mal "Zuneigung", mal "Leidenschaft", mal "Hingabe". Dreimal sagt er etwas anderes, Zuneigung ist zu schwach, Leidenschaft und Hingabe sind zu einseitig. Wiederholungen hingegen können die Ausdruckskraft eines Textes enorm steigern. Als – in seiner Intensität beklemmendes – Beispiel abschließend erneut Heinrich von Kleist:

 

Hier lag ein Haufen Erschlagener, hier ächzte noch eine Stimme unter dem Schutte, hier schrieen Leute von brennenden Dächern herab, hier kämpften Menschen und Tiere mit den Wellen, hier war ein mutiger Retter bemüht, zu helfen; hier stand ein anderer, bleich wie der Tod, und streckte sprachlos zitternd Hände zum Himmel.

(Das Erdbeben in Chili)

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    A. S. (Mittwoch, 01 Februar 2023 15:07)

    Vielen Dank für diesen Beitrag und Ihr Lektorat!