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Die Natur und die Zukunft der Demokratie. Wie Corona die Natur der Gesellschaft veränderte

Oliver Mohr

 

I.

Natur ist eine gesellschaftlich bedingte Wahrnehmung. So war das im 18. Jahrhundert aufkeimende und im 19. Jahrhundert zur Blüte gekommene bürgerliche Bewusstsein immer auch ästhetisches Bewusstsein. Das bedeutete, dass die bürgerliche Ästhetik kein Erhabenes anerkennen wollte, in dem sich ein dominierendes Bewusstsein Ausdruck verschaffte. Das absolutistische Ritual als Äußerung des monarchischen Herrschaftsanspruchs wurde ebenso abgelehnt wie das Regime grausamer öffentlicher Strafen, durch die die Erhabenheit des Rechts körperlich repräsentiert wurde. Nicht allein eine neue, humane Moral und freiheitsliebende Gesinnung machten das bürgerliche Bewusstsein aus, sondern auch der Anspruch auf seine Autonomie, der mit dem Gefühl des Ausgeliefertseins unvereinbar war. So wenig, wie es den Machtanspruch des Absolutismus erdulden mochte, gestattete es sich, vor Naturgefahren zu erzittern.

II.

Ähnliches vollzog sich mit dem menschlichen Zusammenleben, das gleichfalls entnaturalisiert wurde. Die Ordnung des Zusammenlebens war nicht mehr natürlich, sondern gesellschaftlich, also den eigenen Gesetzen des potenzierten Verhältnisses von alter und ego unterworfen. Dies bedeutete, dass gesellschaftliche Probleme auf Ursachen zurückgeführt werden konnten, die sich durch Politik beeinflussen ließen. Die Gesellschaft war kontrollierbar. Nicht von ungefähr entstand in dieser Zeit der Veränderung der moderne Kriminalroman, der das Verbrechen, das der schlimmste Bruch der gesellschaftlichen Regeln ist, ästhetisierte. Die Ästhetisierung des Verbrechens war nichts anderes als seine Unterwerfung unter die Regeln der bürgerlichen Ästhetik und somit seine Beherrschung. Dies erklärt, warum eine Gesellschaft, die auf die reale Verletzung von menschlichen Körpern empfindlich reagierte, die literarische Darstellung des Schreckens und seiner Aufklärung genussvoll konsumierte, weil sie sich dadurch der Kontrolle über das Böse, das unausrottbar immer wieder zum Vorschein kam, genüsslich versicherte.

III.

Politik, Ästhetik und Natur stehen seit jeher in einem engen Zusammenhang. So wurde das Volk von den Romantikern, etwa von Vertretern der historischen Rechtsschule wie Savigny, dem Begriff der Natur nachgebildet. Es war Inbegriff von Wachstum und Reproduktion und der Entfaltung innerer Kräfte, wenn seine historische Entwicklung ungestört verlaufen konnte. Die besondere Pointe dieser Lesart bestand darin, das natürlich-historische Volk als rechtsschöpfende Potenz gegen das Naturrecht in Stellung zu bringen. So war das Recht so etwas wie die Sprache, und beide konstituierten die Einheit des Volkes, die sich in seiner Geschichte quasi ausformulierte. Auf der einen Seite war dieser Volksbegriff restaurativ, weil er eine direkte Mitwirkung des Volkes an der Politik ausschloss. Auf der anderen Seite war er scharf abgegrenzt von einer späteren Auffassung des Volkes, die nationalistisch oder gar „völkisch“ war. Nationalismus und Volkstumsdenken waren seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die missratenen und inzestuösen Kinder des demokratischen Gedankens und des wissenschaftlichen Positivismus.

IV.

Das Auftreten von Corona ist ein planetarisches Ereignis. Natur ist immer universal. Es gibt keine partikulare Natur. Selbst diejenige Natur, die uns fremd ist und die uns daher als exotisch erscheint, ist keine 'andere' Natur, sondern immer die eine. Der planetarische Charakter des Virus erinnert uns an diese Einheit der Natur, ob in Berlin, New York oder Wuhan. Die Gesetze des Virus sind nicht nur überall gleich, sie sind identisch, jenseits aller Kultur. Identität wird nicht primär begründet durch Kultur, egal ob national, geschlechtsmäßig oder klassenbewusst. Die primäre Identität ist die natürliche Identität, während Rasse, Geschlecht und Ethnie sekundär sind. Es kommt auf ein ‚Zurück zu Natur!‘ innerhalb der Kultur an und nicht außerhalb von ihr. Der Mensch gewinnt seine Identität nicht über seine Zugehörigkeit zu einem spezifischen Kollektiv, sondern über die spezifische Möglichkeit oder das Recht zur Zugehörigkeit. Somit ist nicht das Kollektiv selbst entscheidend für seine Identität, sondern die natürliche Fähigkeit und Berechtigung zum Dazugehören.

V.

So wenig plausibel wie Identitätspolitik ist die Politik des laisser faire, die gleichermaßen auf einer falschen Vorstellung der Natur beruht. Nach dieser Vorstellung wäre Natur eine Art Gesellschaftsform. Die Natur der Population ist aber keineswegs dergestalt, dass sie die rationalsten Handlungsoptionen selegiert. Die Natur der Märkte ist so wenig rational wie die Natur der Zivilgesellschaft. Nicht die Selbstorganisation der Zivilgesellschaft ermöglichte es, die Gesundheit der Population und die Funktionsfähigkeit des Gesundheitssystems zu schützen, sondern die Diktatur der Vernunft. Das Virus brachte den Freiheitsgebrauch in eine Situation, in der er sich fragen musste, ob er sich der Vernunft unterwerfen sollte oder nicht. Die Coronagesetzgebung ist keine primär gesellschaftliche Konstruktion, sondern folgt den natürlichen Notwendigkeiten der Pandemie.

VI.

Das veränderte Verhältnis zur Natur kommt auch in den Klimadiskursen zum Ausdruck. Was ist die Ursache der Erderwärmung? Ist diese "natürlich", oder ist sie "menschengemacht", anthropomorph? Mehr und mehr wird deutlich, dass diese Differenz fiktiv ist. Die Wirklichkeit, nicht nur ökologisch, sondern auch politisch, sozial und ökonomisch, ist ein Mensch-Natur-System, dessen Komponenten funktional verbunden sind. Die Geschichte als Inbegriff der kulturellen Welt, lässt sich von den Jahreszeiten nicht mehr trennen. Der Rhythmus der Jahreszeiten war zumindest das Element der Natur, das, im Gegensatz etwa zu den Meeren und Bergen, dem menschlichen Zugriff und seiner Bearbeitung entzogen schien. In Kunst, Musik und Literatur wurden immer wieder kulturelle Konstruktionen der Jahreszeiten erfunden, denen eines gemeinsam war: der immer wiederkehrende, natürliche und unveränderliche Rhythmus, der im Kern unberührbar war. Nun aber ändert sich diese Rhythmus, wird unberechenbarer und wird zu einer Hybridzeit, in der die Trennung von Mensch und Natur aufgehoben wird. Auf ähnliche Weise hat das Coronavirus die Unterscheidung zwischen Naturgesetzen und Menschengesetzen hinter sich gelassen.

VII.

 

Der hybride Dämon Corona ruft uns in Erinnerung, dass unsere natürliche Umwelt, also die menschliche Natur, eine überwiegend freundliche Natur ist im Unterschied zur planetarischen, unwirtlichen Natur, die der Mensch zum Beispiel gerade auf dem Mars erkundet. Unsere freundliche Natur ist in der Lage und bereit, dass wir mit ihr eine fruchtbare Symbiose eingehen. Sie ist bereit, uns zu geben, was wir zum Leben brauchen. Die zukünftige zukunftsoffene Demokratie ist die ökologische Demokratie. Der Übergang von der sozialen zur ökologischen Demokratie ist es, der bei vielen Irritationen auslöst, die sich durch Radikalisierung äußern. Es muss sich die Einsicht durchsetzen, dass die Demokratie heute nur im Einklang mit den Gesetzen der Natur überlebensfähig ist. Damit stellt das moderne demokratische Denken eine Vorstellung von Physis in den Mittelpunkt, die einer universalistischen Haltung entspringt, geistige Grenzen überwindet und die Quellen des menscheitsgeschichtlichen Naturdenkens neu erschließt.

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